Wofür
brauchen wir Botanische Gärten?
Botanische Gärten erfüllen
vielfältige Aufgaben: ursprünglich entstanden als Lehrgärten für die
Heilpflanzenkunde, später von reichen Adeligen zu Schausammlungen
exotischer Pflanzen umgestaltet, sollen sie inzwischen auch den
Erwartungen einer erholungssuchenden Öffentlichkeit genügen. An den
Universitäten sind sie vor allem auch für die Forschung der
Botanischen Institute zentral und nicht zuletzt sind es Refugien, wo
bedrohte Arten erhalten werden. In Zeiten, wo den Universitäten
immer mehr Aufgaben, aber immer weniger Mittel zugewiesen werden,
läßt sich so dies nicht mehr leisten. An die Stelle der eierlegenden
Wollmilchsau – die ja ohnehin kein lebensfähiges Wesen wäre – muß
also etwas anderes treten.
Wohin geht der Botanische Garten der
Universität?
Karlsruhe ist in der glücklichen
Lage, über zwei Botanische Gärten zu verfügen und daher müssen sich
diese Gärten in ihren Funktionen gegenseitig ergänzen und
unterstützen. Während der Schlossgarten vor allem der Erholung und
dem ästhetischen Vergnügen der Bevölkerung dient, konzentriert sich
der Botanische Garten der Universität auf seine Kernaufgaben –
nämlich Forschung und Lehre. Dazu tritt als weitere Kernaufgabe die
Erhaltung von bedrohten Pflanzenarten. Trotz schwierigster
Rahmenbedingungen (drastische Stellenkürzungen,
sanierungssbedürftige Gewächshäuser, fehlende Mittel zur Sanierung)
wird der Garten jedoch auch künftig den Dialog mit der
Öffentlichkeit suchen.
Der Botanische Garten in der
Forschung: Die Pflanzen, mit denen an den Botanischen Instituten
gearbeitet werden, werden in den Versuchsgewächshäusern des
Botanischen Gartens hochgezogen und vermehrt. Im Zentrum stehen
dabei sogenannte Modellpflanzen: die Ackerschmalwand (Arabidopsis
thaliana), der Reis (Oryza sativa), aber auch Tabak (Nicotiana
tabacum) und die Weinrebe (Vitis vinifera). An diesen
Modellpflanzen versucht man, die molekularen Grundlagen von
Entwicklung, Wachstum und Stoffwechsel zu verstehen. Dies erfordert
große gärtnerische Sorgfalt, denn eine Verwechslung oder
unabsichtliche Vermischung würde viele Jahre Forschungsarbeit
zunichte machen. Die Arbeit mit diesen Modellpflanzen wird jedoch
zunehmend durch evolutionsbiologische Ansätze ergänzt, wo man ein
Spektrum verwandter Arten miteinander vergleicht und versucht, aus
diesem Vergleich die Entstehung und die biologische Bedeutung von
bestimmten Merkmalen zu verstehen.
Der Botanische Garten in der
Lehre: Der Garten liefert nicht nur das Pflanzenmaterial für die
Praktika, sondern wird auch für Exkursionen und den Vergleich von
Pflanzenformen genutzt. Zunehmend werden auch einzelne biologische
Themen in Dauerversuchen im Garten demonstriert, beispielsweise der
berühmte Versuch, mit dem der Karlsruher Botaniker
Kölreuter die pflanzliche Sexualität bewies oder ein Versuch,
mit dem man die genetischen Schalter der Blütenbildung demonstriert
hat. Ein besonders wichtiges Thema sind heimische und tropische
Nutzpflanzen, die nicht nur für die Ausbildung in der Biologie
genutzt werden, sondern auch für die Ausbildung in der
Lebensmittelchemie eine große Rolle spielen. Ab Herbst dieses Jahres
wird der Garten auch für Exkursionen im Bereich tropische
Nutzpflanzen für die Studierenden der Pädagogischen Hochschule
eingesetzt werden.
Der Botanische Garten im
Artenschutz: Der Botanische Garten der Universität engagiert
sich schon seit vielen Jahren für den Artenschutz. Für sehr
bedrohte Arten wie die Wildrebe oder den Wilden Sellerie, die in
freier Wildbahn nur noch an wenigen, manchmal nur noch an einem
Standort vorkommen, wird der Garten als eine Art "Arche Noah"
genutzt - die letzten Vertreter dieser Arten werden hier
hochgepäppelt, vermehrt und dann wieder an geeigneten Standorten
ausgebracht. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem
Regierungspräsidium. In zwei vom Bund
geförderten Projekten wird zum einen die fast ausgestorbene
Europäische Wildrebe vermehrt und an einer Genbank für wilde
Verwandte von Nutzpflanzen mitgearbeitet. Die Erhaltungskulturen des
Botanischen Gartens haben inzwischen bundesweit Beachtung gefunden
und haben auch dazu geführt, dass der Garten zum ersten Mal eigene
"Drittmittel" einwerben konnte.
Der Botanische Garten und die
Öffentlichkeit: Aufgrund der angespannten Personallage war es nicht
mehr möglich, den Garten am Wochenende für die Öffentlichkeit
geöffnet zu halten. Durch die über die erfolgreichen
Artenschutzprogramme eingeworbenen Mittel hat sich die Lage wieder
etwas entspannt, so dass wir ab März 2009 nicht nur während der
Woche, sondern auch wieder jeden Sonntag öffnen können. Im Konzept
des Gartens spielen jedoch Führungen die Hauptrolle, weil dadurch
das Angebot und die hier in Karlsruhe bearbeiteten Themen für die
interessierte Öffentlichkeit noch besser erschlossen werden können.
Vor allem nutzen wir diese Führungen auch dazu, die moderne
Forschung für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die
stürmische Entwicklung der modernen Biologie ging nämlich zu einem
großen Teil über die Köpfe der Bevölkerung hinweg. Selbst
interessierte Laien haben es oft schwer, zu verstehen, was in den
Labors und Instituten eigentlich gemacht wird. Wissenschaft und
Öffentlichkeit driften also immer weiter auseinander und dies ist
eine gefährliche Entwicklung. Wenn jemand etwas nicht versteht,
lehnt er es in der Regel nämlich ab. Und das kann ein Land, das
außer Bildung und Erfindergeist nur wenig andere natürliche
Rohstoffe vorweisen kann, sich eigentlich nicht leisten.
Zu den vielfältigen Funktionen, die
botanische Gärten während ihrer Geschichte mehr oder weniger gut
ausgefüllt haben, tritt nun eine neue hinzu: Botanische Gärten als
Orte, wo Forschung und Öffentlichkeit miteinander in Dialog treten
können.
Ein Programm der aktuell
angebotenen Führungen (im pdf-Format zum Herunterladen) finden Sie
hier.
Ansprechpartner zum Konzept
Prof. Dr. Peter Nick, Botanisches
Institut 1,
peter.nick@bio.uni-karlsruhe.de
Prof. Dr.
Holger Puchta, Botanisches Insitut 2,
holger.puchta@bio.uni-karlsruhe.de
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Letzte Änderung Donnerstag, 29. Oktober 2009