Botanisches Institut - Universität Karlsruhe

Botanisches Geländepraktikum
Pflanzensoziologische Aufnahme

Bestimmungsliteratur mitbringen (auch bebilderte Floren)!

Hinweis: Diese Ausarbeitung ist als Vorbereitung für den Geländetag vorgesehen. Bitte nehmen Sie bei Unklarheiten, Fehlern, Problemen, ... per email oder direkt mit mir Kontakt auf, damit ich diese ziemlich oberflächliche) Übersicht gegebenenfalls optimieren kann.

Bei einer pflanzensoziologischen Aufnahme wird das komplette Arteninventar einer geeigneten Probenfläche erfasst und einer definierten Pflanzengesellschaft zugeordnet. Man geht dabei in mehreren Schritten vor

1. Auswahl einer geeigneten Probenfläche: homogen + repräsentativ; groß genug um alle Arten zu erfassen (für eine Wiese sind 10 - 20 qm in der Regel ganz vernünftig, im Wald wird's mehr)
2. Bestimmung der Standortverhältnisse: Exposition, Feuchtigkeitsverhältnisse, Profil, Kalk/Urgestein, Zustand
3. Bestimmung der Pflanzen, möglichst auch solcher, die nur vegetativ auftreten
4. Schichteinteilung: Baumschicht - Strauchschicht - Krautschicht
5. Ermittlung des Deckungsgrades der Pflanzen jeder Schicht
6. Ermittlung der Soziabilität (Geselligkeit) der Art. Die Soziabilität wird mit einem Punkt abgetrennt nach der Deckung angegeben. Beispiel: 2.4 : zahlreiche Individuen, die mehr als 5 % der Probenfläche überdecken und in kleinen Kolonien auftreten.
7. Erstellen einer Rohtabelle, in der mehrere Aufnahmen nebeneinandergestellt werden und die Summe des Auftretens einer Art als Stetigkeit angegeben wird.
8. Weiterverarbeitung der Tabelle, z. B. Sortierung nach Stetigkeit, Aufgliederung in Teiltabellen, so daß sich gegenseitig ausschließende Pflanzengruppen erkennbar werden. Bsp: In einer Aufnahme mit Bromus erectus könnten auch Carex hirta und Salvia pratensis auftreten, aber kaum Ranunculus acris und Cardamine pratensis.
9. Zuordnung der Aufnahmen zu Pflanzengesellschaften (entfällt im Geländepraktikum)
10. Zeichnen einer Vegetationskarte (entfällt im Geländepraktikum)

Pflanzen, die in verschiedenen Aufnahmen regelmäßig gemeinsam vorkommen, haben ähnliche Standortansprüche. Die Standortansprüche gegenüber Belichtung, Temperatur, Kontinentalität, Nitratgehalt des Bodens, Feuchtigkeit, saure/basische Reaktion des Bodens werden in den Zeigerwerten von Pflanzen quantifiziert, meist in einer Skala von 1 bis 9 (Ellenberg'sche Zeigerwerte). Die Zeigerwerte sind für die in Deutschland vorkommenden Pflanzen in Tabellen zusamengefasst. Die Zeigerwerte der in der "Rohtabelle" aufgeführten Arten (sowie einige wenige andere) sind exemplarisch in einer Beispiel-Tabelle aufgeführt. Die bearbeitete Tabelle ist anschließend wiedergegeben.

Gruppen von Beständen, die sich nach ökologischen Gesichtspunketen und vom Pflanzenbestand her sehr ähneln, werden als Pflanzengesellschaften bezeichnet. Es gibt eine Hierarchie von Pflanzengesellschaften mit immer feineren Untergliederungen, wie in der Übersicht exemplarisch für mitteleuropäische Wiesen dargestellt. Pflanzen, die für eine bestimmte Gesellschaft besonders charakteristisch sind, d. h. dort ihren eindeutigen Schwerpunkt haben, werden als Charakterarten bezeichnet; weitere häufige Begleiter als Begleitarten. Arten, die zuverlässig die Unterscheidung zwischen Gesellschaften erlauben werden als Differentialarten bezeichnet.
 

Deckungsgrade:
 
r äusserst spärlich mit sehr geringem Deckungsgrad < 1%
+ spärlich mit geringem Deckungsgrad; 2 - 5 Individuen mit  1% < Deckung < 5%
1 reichlich, aber mit geringem Deckungsgrad; weniger als 5 % der Fläche bedeckend
2 sehr zahlreich, oder mindestens 5 % der Fläche bedeckend
 2m sehr reichlich, > 50 Individuen oder 5% < Deckung < 25%
 2a 5% < Deckung < 12,5%, Individuenzahl beliebig
 2b  12,5% < Deckung < 25%, Individuenzahl beliebig
3 25 % bis 50 % der Aufnamefläche bedeckend, Individuenzahl beliebig
4 50 % bis 75 % der Fläche bedeckt, Individuenzahl beliebig
5 mehr als 75 % der Fläche bedeckt, Individuenzahl beliebig

 

Soziabilität
 
1 einzeln wachsend
2 in kleinen Gruppen wachsend
3 truppweise wachsend
4 in kleinen Kolonien
5 in großen Herden

 

Rohtabelle (mit Arten aus mehr oder weniger nährstoffreichen Mähwiesen; der Übersichtlichkeit halber wurden nur 8 Arten in die Tabelle aufgenommen; in der Realität käme man auf wesentlich mehr Arten)
 
Aufnahme Nr. 1 2 3 4 Stetigkeit
Taraxacum officinale 2.1 2.1  -  +.1 3
Salvia pratensis  - 1.1 r  - 2
Ranunculus bulbosus  -  - 1.1 2.1 2
Arrhenatherum elatius 3.3 3.3 2.1 2.1 4
Dactylis glomerata r 2.1  -  - 2
Ranunculus acris 1.1  -  -  - 1
Medicago sativa  r  - 1.2 1.1 3
Rhinanthus alectorolophus 2.3 1.2 r  + 4
Artenzahl 5 5 5 5 21

 

Bearbeitete Tabelle, d. h. Zeilen nach Stetigkeiten sortiert und Spalten (und evtl. Zeilen) so umgeordnet, daß Gruppen von Pflanzen entstehen (auf die Spaltensortierung wurde hier der Übersichtlichkeit halber verzichtet)
 
Aufnahme Nr 1 2 3 4 Stetigkeit
Arrhenatherum elatius 3 3 2 2 4
Rhinanthus alectorolophus 2 1 r + 4
Taraxacum officinale 2 2  - + 3
Dactylis glomerata r 2  -  - 2
Ranunculus bulbosus  -  - 1 2 2
Medicago sativa  r  - 1 1 3
Salvia pratensis  - r 1  - 2
Ranunculus acris 1  -  -  - 1
Artenzahl 6 5 5 5 21

Man erkennt, daß 2 Arten in jeder Aufnahme zu finden sind, und sich die Areale 1 und 2 gegenüber den Arealen 3 und 4 deutlich im Arteninventar unterscheiden, wenn auch einige Überlappungen auftreten. An hand der zugeordneten Zeigerwerte der Pflanzen könnte man schließen, daß hierbei die Feuchtigkeitsverhältnisse eine Rolle spielen.
 

Zeigerwerte nach Ellenberg für einige ausgewählte Arten
(Die Ansprüche sind um so höher, je größer die Zahl ist. x bedeutet indifferent gegen den jeweiligen Faktor.
Beispiele Feuchtezahl 9 beduetet "Nässezeiger" (das = symbolisiert Überschwemmungszeiger); Lichtzahl 8 entspricht offenen Standorten, Stickstoffzahl 9 repräsentiert einen Stickstoffzeiger; eine Pflanze mit Reaktionszahl 8 bevorzugt leicht basische Standorte - Kalkzeiger. Eine komplette Aufschlüsselung findet sich hier. Man sollte die Aussagekraft dieser Zeigerwerte nicht überbewerten, da immer die Gesamtheit aller Faktoren von Bedeutung ist, die jeweilige Konkurrenzsituation eine Rolle spielt, und manche Pflanzen auch nach der Änderung von Faktoren "zäh" am alten Standort festhalten.
 
Lichtzahl Temp.zahl Konti.zahl Feuchtez. Reaktion Stickstoffz.
Arrhenatherum elatius 8 5 3 x 7 7
Bromus erectus 8 5 2 3 8 3
Dactylis glomerata 7 x 3 5 x 6
Salvia pratensis 8 6 4 3 8 4
Ranunculus acris 7 x 3 6 x x
Ranunculus bulbosus 8 6 3 3 7 3
Ranunculus vicaria 4 5 3 6 7 7
Taraxacum officinale 7 x x 5 x 8
Medicago sativa 8 6 6 4 7 x
Rhinanthus alectorol. 8 x 2 4 7 3
Convallaria majalis 5 x 3 4 x 4
Urtica dioica x x x 6 7 9
Lamium maculatum 5 x 4 6 7 8
Dryopteris filix-mas 3 x 3 5 5 6
Alnus glutinosa 6 6 3 9= 6 x

 

Hierarchie der Pflanzengesellschaften am Beispiel des Wirtschaftsgrünlandes (in GRÜN jeweils einige wenige Charakterarten; in ROT eine Differentialart)
 
Klasse Ordnung Verband Assoziationen (Auswahl)
Molinio-Arrhenatheretea 
Fettwiesen 
Ranunculus acris, Alopecurus pratensis, Trifolium pratense
Trifolio-Cynosuretalia 
Fettweiden 
Bellis perennis, Leontodon autumnalis, Trifolium repens
Cynosurion 
Fettweiden der Ebenen 

Lolium perenne, Cynosurus cristatus

Lolio-Cynosuretum 
Alchemillo-Cynosuretum
Poion alpinae 
Alpen-Fettweiden
Poa alpina-Prunelletum 
Prunella vulgaris
Arrhenatheralia 
Fettwiesen (planar-montan) 
Anthriscus sylvestris, Rhin. alectorolophus, Dactylis gl.
Arrhenatherion 
Glatthaferwiesen 
Arrhenath. elatius, Crepis biennis, Galium mollugo
Dauco-Arrhenatheretum 
Tragopogon pratensis
Alchemillo-Arrhenatheretum 
Alchemilla xanthochloa
Trisetion flavescentis 
Goldhaferwiesen (montan-subalpin) 
Alchemilla vulgaris, Crepis mollis, Crocus albiflorus
Trisetum flavescentis 
Trisetum flavescens
Molinietalia 
Nass- und Streuwiesen
Calthion 
nährstoffreiche Nasswiesen 
Caltha palustris,Polygonum bistorta, Bromus racemosus
Angelico-Cirsietum oleracei 
Cirsium oleraceum
Scirpetum sylvatici 
Scirpus sylvaticus
Filipendulion 
nasse Staudenfluren 
Epilobium hirsut., Lythrum salicaria,Geranium palustre
Filipendulo-Geranietum pal. 
Filipendulum ulmaria
Molion coeruleae 
Pfeifengraswiesen 
Molinia coerulea, Carex tomentosa, Inula salicina
Molinietum medioeuropaeum
Gladiolus palustre
Junco effusi-Molinietum 
Juncus effusus

 

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Letzte Änderung: Max Seyfried 14.03.2010